Kreislaufwirtschaft im Kleineren an der THD: Mit großem Erfolg startete die Fakultät Maschinenbau und Mechatronik im Januar 2026 ihr Reparatur-Café in Kooperation mit BUND und KEB.
In den vergangenen Tagen wurde breit darüber berichtet, dass der Automotive-Zulieferer Schaeffler mit dem Projekt ReDriveS erstmals in größerem Maßstab die Kreislaufwirtschaft für elektrische Achsantriebe angehen wird. Für mich ist das mehr als nur eine weitere gute Nachricht aus der Industrie. Es ist ein Zeichen dafür, dass ein Thema, über das lange gesprochen wurde, nun beginnt, industrielle Realität zu werden.
Kreislaufwirtschaft beginnt am Anfang
Kreislaufwirtschaft bei komplexen technischen Systemen ist kein Selbstläufer. Sie entsteht nicht durch wohlklingende Zielbilder, sondern durch harte ingenieurwissenschaftliche Arbeit – und vor allem durch Entscheidungen, die sehr früh getroffen werden. Wer elektrische Antriebe später zerlegen, reparieren oder wiederverwenden möchte, muss sie von Anfang an dafür entwerfen. Konstruktion, Materialwahl, Fügetechniken, Fertigungsprozesse und Dokumentation bestimmen, ob ein Produkt am Ende seines ersten Lebenszyklus wertvoll bleibt – oder nicht.
Diese Einsicht ist nicht neu. Neu ist, dass sie nun sichtbar in großen Industrieprojekten ankommt, getragen von Unternehmen, Forschungseinrichtungen und staatlicher Förderung. Projekte wie ReDriveS zeigen: Kreislaufwirtschaft wird nicht mehr als Randthema behandelt, sondern als integraler Bestandteil moderner Produktentwicklung verstanden.
Ein persönlicher Blick zurück – und nach vorn
Ich selbst habe in den 1980er-Jahren als Maschinenbaustudent an der TU Braunschweig in einem Industrieprojekt mit Volkswagen an Software zur Lebensdauerberechnung von Pkw-Getrieben gearbeitet. Damals ging es um Zuverlässigkeit, Sicherheit und Haltbarkeit. Das waren harte technische Anforderungen – und sie sind es bis heute.
Was sich verändert hat, ist der Blick: Heute fragen wir zusätzlich, wie lange Produkte sinnvoll genutzt werden können, wie sie reparierbar bleiben, wie sie demontiert und erneut eingesetzt werden können. Die ingenieurwissenschaftliche Denkweise dahinter ist dieselbe geblieben – sie ist nur umfassender geworden.
Erfahrung als Fundament – nicht als Behauptung
An der Fakultät Maschinenbau und Mechatronik der Technische Hochschule Deggendorf beschäftigen wir uns seit vielen Jahren mit genau diesen Fragestellungen. Nicht, weil sie gerade „modern“ sind, sondern weil sie zum Kern ingenieurwissenschaftlicher Verantwortung gehören.
Elektrische Antriebe, Produktentwicklung, Fertigung, Werkstoffe, Digitalisierung und Produktdatenmanagement sind seit Langem feste Bestandteile unserer Lehre. Der aktuell neu ausgerichtete Master Maschinenbau baut bewusst auf dieser Tradition auf und schärft sie weiter. Er ist kein Bruch, sondern eine Weiterentwicklung – getragen von Erfahrung und Aktualität zugleich.
Auch personell zeigt sich diese Verbindung: Mit Kollegen wie Prof. Dr.-Ing. Johann Peer, der viele Jahre in der Industrie Montageanlagen für elektrische Antriebe projektiert und konstruiert hat, fließt sehr konkretes Praxiswissen direkt in die Lehre ein. Das sind keine theoretischen Konstrukte, sondern reale industrielle Zusammenhänge.
Ressourceneffiziente Produktentwicklung: ein konsequenter Schritt
Vor diesem Hintergrund war es für uns nur konsequent, einen eigenen Bachelorstudiengang Ressourceneffiziente Produktentwicklung / Circular Engineering zu entwickeln. Die Entscheidung dafür war keineswegs leicht – auch, weil Begriffe wie „ressourceneffizient“ sperrig sind und hohe Erwartungen wecken. Heute zeigt sich: Die Industrie verwendet genau diese Begriffe, weil sie inhaltlich notwendig geworden sind. Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft lassen sich nicht mehr trennen von klassischer Ingenieurarbeit. Sie gehören zusammen. Der Studiengang verbindet daher bewusst die Grundlagen des Maschinenbaus mit moderner Produktentwicklung, Nachhaltigkeitsaspekten, Digitalisierung und praxisnahen Projekten. Ergänzt wird dies durch Initiativen wie Reparatur-Cafés, eine geplante „Bibliothek der Dinge“ und den Aufbau eines Makerspaces. Studierende sollen Kreislaufwirtschaft nicht nur lernen, sondern erleben.
Ein Thema mit langfristiger Perspekive
Große Verbundprojekte wie ReDriveS sind auf mehrere Jahre angelegt. Wer heute ein Studium beginnt, wird seinen Abschluss in einer Zeit machen, in der ressourceneffiziente Produktentwicklung keine Besonderheit mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Dass Industrie, Forschung und staatliche Förderung hier zusammenfinden, zeigt: Kreislaufwirtschaft ist kein kurzfristiger Trend. Sie ist ein struktureller Wandel – und eine Aufgabe, für die gut ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure dringend gebraucht werden. Für uns an der TH Deggendorf ist das Bestätigung und Auftrag zugleich.
Stefan Götze
Stefan Götze ist promovierter Maschinenbau-Ingenieur und Professor für Ingenieurinformatik. Als Dekan verantwortet er die strategische Ausrichtung der Fakultät Maschinenbau und Mechatronik. In seinem Beitrag betrachtet er technologische Entwicklungen aus der Perspektive ingenieurwissenschaftlicher Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt.