Mai 2026 | Henrike Runge
Umgeben von üppigem Grün und plätschernden Bächen, zwischen den naturnahen Gehegen von Fischotter und Wildschwein im Tier-Freigelände oder hoch oben auf dem Gipfel des Lusen mit wunderschönem Weitblick: Die Natur im Nationalpark Bayerischer Wald lässt sich auf die verschiedensten Weisen genießen. Im April 2026 zieht es auch 26 Studierende aus fünf europäischen Ländern in das Waldschutzgebiet – genauer gesagt in das Feriendorf Finsterau, wo sie fünf Tage lang bleiben und an nachhaltigen Tourismuskonzepten für die Region arbeiten. Sie sind die „Heroes“, die im Rahmen eines Erasmus+ Blended Intensive Programme (BIP) zusammengekommen sind.
HEROES: eine starke Allianz europäischer Hochschulen
Organisiert wird das Programm im Bayerischen Wald von Prof. Dr. Florian Wahl und Dr. Sebastian Wilhelm von der Forschungsgruppe AI4CARE am Campus Grafenau der Technischen Hochschule Deggendorf. Außerdem ist das BIP ein Projekt der HEROES-Allianz: einem Zusammenschluss verschiedener europäischer Hochschulen und Universitäten. HEROES ist dabei eigentlich eine Abkürzung für „Higher Education for Resilience-Oriented and Empowered Societies”, also für eine Hochschulbildung für widerstandsfähige und selbstbestimmte Gesellschaften. Aber die Studierenden sowie das Forschungs- und Lehrpersonal als Helden zu bezeichnen, ist auch nicht ganz verkehrt. Denn in den Projekten der europäischen Hochschulallianz geht es darum, Lösungen für komplexe Herausforderungen zu entwickeln.
Bei dem BIP im Bayerischen Wald sind fünf Hochschulen vertreten: die Technische Hochschule Deggendorf (Deutschland), die Seinäjoki University of Applied Sciences (Finnland), die Thomas More University of Applied Sciences (Belgien), die Fontys University of Applied Sciences (Niederlande) und die Polytechnic University of Beja (Portugal). Ihre Mission: mithilfe öffentlich verfügbarer Daten – sogenannter Crowdsourced Data – neue Ansätze für einen nachhaltigen Tourismus im Nationalpark Bayerischer Wald zu entwickeln.
Die Challenge
Zur Vorbereitung auf die Challenge erhalten die Studierenden einen umfassenden Überblick durch die Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald: von der Geografie des Parks über das Besuchermanagement bei rund 1,3 Millionen Besuchern pro Jahr bis hin zu den Möglichkeiten und Grenzen von Crowdsourced Data aus Plattformen wie Komoot, Strava oder Outdooractive. Schnell stellen die Studierenden fest, dass sie mit ihrer ursprünglichen Vermutung, die Verkehrsanbindung sei in einem so ländlichen Gebiet sicher problematisch, ganz schön falsch liegen. Dank den Rufbussen des flexiblen ÖPNV-Angebots frgflex des Landkreises Freyung-Grafenau verläuft die Ankunft beim Feriendorf Finsterau völlig problemlos. Daher suchen sie sich einen neuen Anhaltspunkt, auf den sie sich bei der Challenge fokussieren können. Schnell wird deutlich: Die HEROES sehen eine große Chance darin, den Nationalpark für Familien attraktiver zu gestalten.
Nach einer gründlichen Einführung in die Methoden des Design Thinking, mehreren Ideation-Workshops und einer Exkursion mit den Waldführern des Vereins Pro Nationalpark e. V. machen sich die HEROES an die Arbeit. In fünf gemischten Gruppen, in denen jede der teilnehmenden Hochschulen vertreten wird und unterschiedliche Studiengänge aufeinandertreffen, erarbeiten sie eigenverantwortlich ihre Tourismuskonzepte. Das begleitende Lehr- und Forschungspersonal steht den Teams dabei jederzeit beratend zur Seite und fördert so gezielt Eigeninitiative und Kreativität.
Spielerisches Lernen für Groß und Klein
Einen ersten Vorgeschmack auf die Ergebnisse des Projekts gibt es bereits am Donnerstag. In sogenannten Elevator Pitches stellen die einzelnen Gruppen ihre Konzepte innerhalb von zwei Minuten vor – so, als hätten sie nur eine Fahrt mit dem Aufzug lang Zeit. Die meisten Gruppen fokussieren sich dabei auf spielerisches Lernen, zum Beispiel mit einer Remote-App, mit der man im Stil von Pokémon-Go nach Tieren suchen und so gleichzeitig interessante Infos über die Umgebung erhalten kann. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die geplante App der zweiten Gruppe: Mit einem digitalen Forest Buddy gehen die Besuchenden auf Erkundungstour. Je mehr Orte sie im Nationalpark entdecken, desto größer wird der virtuelle Begleiter. Oder wie wäre es mit einer Website, die darüber informiert, welche Rund- und Wanderwege gerade besonders gut besucht sind? Verbunden mit einem Überblick über die Wettervorhersage und die Schulferien können Besuchende ihren Aufenthalt im Nationalpark so vorausschauender planen. Eine App mit integriertem AI-Modell, Augmented Reality und Audio-Learning soll genutzt werden, um die Gesundheit der Natur im Auge zu behalten. Die Besuchenden können so nicht nur etwas über die Pflanzen und deren mögliche Krankheiten lernen, sondern aktiv dazu beitragen, den Bayerischen Wald zu erhalten. Einen letzten Ansatz bilden interaktive Schilder, die in einer für Kinder zugänglichen Höhe angebracht sind und sich in der Nähe von Bänken befinden. So können sich die Eltern ausruhen, während die Kleinen an den Schildern spielen.
Am letzten Tag der Präsenzwoche erfolgt die Abschlusspräsentation. Dem Vorstand des Vereins Pro Nationalpark e. V., Max Greiner, stellen die fünf Studierendengruppen nicht nur bloße Konzepte, sondern sogar funktionsfähige App-Prototypen vor.
Eine perfekte Mischung aus Arbeit und Spaß
Obwohl sie im Feriendorf Finsterau fünf Tage lang recht abgeschieden leben, wird den internationalen Studierenden keinesfalls langweilig. Tagsüber basteln die Gruppen an ihren Prototypen, abends ist für Unterhaltung und Kulturaustausch gesorgt. Bei den Cultural Nights stellen die Studierenden jeder Hochschule das Land vor, in dem sie leben. Ob mit einem Quiz über niederländische Traditionen, dem bayerischen Bierkrug-Stemmen oder einem Karaoke-Abend mit portugiesischen Liedern: Die Teilnehmenden des HEROES-Projekts haben Spaß und lernen die anderen europäischen Länder näher kennen. Den krönenden Abschluss macht am vierten Abend passenderweise die Finnish-Night – ob der Wortwitz beabsichtigt ist, bleibt wohl ein Geheimnis der Organisatoren.
Am Ende der Woche blicken die Teilnehmenden des BIPs mehr als zufrieden auf ihre Zeit im Bayerischen Wald zurück. Die internationalen Studierenden haben zwar aus den verschiedensten Gründen an dem Projekt teilgenommen – um es als Modul anerkennen zu lassen, ECTS für den Wahlbereich zu sammeln oder die eigenen Englischkenntnisse zu verbessern –, doch das Resümee fällt bei allen ähnlich aus: Wenn man die Zeit zurückdrehen würde, würden sie sich alle noch einmal für die Teilnahme am BIP entscheiden. Die neugewonnenen Erkenntnisse, praktischen Erfahrungen und internationalen Freundschaften wissen sie wertzuschätzen.
HEROES gibt es nicht nur in Deutschland
Das Erasmus+ Blended Intensive Programme im Bayerischen Wald ist natürlich nicht die einzige Projektwoche der HEROES-Allianz. Schon im Herbst 2026 geht es nach Portugal, wo neue Studierende die Chance bekommen, die Region mit ihren Ideen, ihrer Kreativität und vor allem ihrem Können zu unterstützen. Und auch für die kommenden Jahre sind weitere Challenges im Rahmen eines BIP geplant. Auf diese Weise sollen das sogenannte Challenge-based Learning vermehrt in das Lehrangebot europäischer Hochschulen integriert und die internationalen Beziehungen gestärkt werden. Gleichzeitig haben die Projekte einen echten Mehrwert für die gastgebende Region – in diesem Fall die Gemeinde Mauth-Finsterau. Denn die Ergebnisse des BIPs können für zukünftige Pläne der Gemeinde oder der Nationalparkverwaltung für den Bayerischen Wald genutzt werden.