In Berlin im Biergarten, als die Mitglieder von RayBotic die Zusage für das EXIST-Stipendium bekommen haben, war der Jubel riesig. Mittlerweile ist wieder ein bemerkenswerter Pragmatismus an der Tagesordnung, wenn die Mitglieder von RayBotic, eine der erfolgreichsten Ausgründungen der THD, berichten. Dabei passt der nüchterne Ansatz des Teams zu ihrer Geschichte wie die Faust aufs Auge: Sie hatten ja noch nicht einmal vor, überhaupt ein Unternehmen zu starten. Erst auf einer Infoveranstaltung der THD am Zentrum für Entrepreneurship, als sie die verschiedenen Förderprogramme kennen lernten, kam ihnen die Idee. Könnten sie ja auch mal versuchen. Haben sie, und eine der höchsten Fördersummen im EXIST-Forschungstransfer zugesprochen bekommen. 1,2 Millionen Euro stehen RayBotic für zwei Jahre zur Verfügung, um ihre Idee eines innovativen, mobilen Computertomographie-Systems umzusetzen. Kleine Brötchen wollen sie nicht backen. Mit dem Motto „Let’s start a RayVolution“ und kantigen LinkedIn-Posts zeigen sie, dass sie von ihrer Idee zu 1000 Prozent überzeugt sind und Pragmatismus und echte Leidenschaft für ihr Projekt sich wunderbar ergänzen. Wir haben uns mit Katja Gallitzendörfer, Severin Nusser, Anton Weiss und Simon Wittl unterhalten.
RayBotic im Interview
Magret Czauderna (MC) | Wissenschaftkommunikation THD: Ihr habt eine der höchsten Fördersummen im Rahmen des EXIST-Forschungstransfers ergattert, sorgt mit provokanten Posts für Aufsehen, wolltet ihr schon immer ins Rampenlicht?
RayBotic: Überhaupt nicht, bis vor gut einem Jahr hatten wir noch gar keine Ambitionen.
MC: Wie kam es dann zu eurer Unternehmensidee?
RayBotic: Ehrlich gesagt war es eher Zufall als ein Geistesblitz: Es gab eine E-Mail des Zentrums für Entrepreneurship mit der Einladung zu einer Infoveranstaltung. Anton und Simon sind hingegangen. Wir haben erfahren, was es für Programme gibt, unter anderem die EXIST-Programme. Sicher waren wir uns nicht, ob unsere vage Idee überhaupt ein Geschäftsmodell ist. Aber Alfons Weinzierl und Johanna Kronschnabl vom Zentrum für Entrepreneurship an der THD haben das Potenzial sofort erkannt und uns sehr ermutigt. Also haben wir eben gemacht.
MC: Ihr habt den Antrag geschrieben und in Berlin gepitcht. Wie ist das gelaufen?
RayBotic: In dem Antrag steckt unglaublich viel Arbeit. Das Team vom Zentrum für Entrepreneurship hat uns wo immer möglich unterstützt. Trotzdem blieben es sehr, sehr viele Stunden, die wir an den Wochenenden an dem Antrag saßen. Der ist bestimmt die größte Hürde beim EXIST-Forschungstransfer. Unserer ist angenommen worden.
MC: Und dann?
RayBotic: Dann hieß es, sich vorbereiten auf den Pitch in Berlin. Da hat uns die Hochschule mit zwei Probe-Pitches wirklich fantastisch unterstützt. Vor Vizekanzlerin und Vizepräsidentin mussten wir uns beweisen, die haben uns ganz schön in die Mangel genommen. Im Endeffekt waren sie viel härter als der eigentliche Pitch in Berlin, der war dagegen richtig harmlos. Das war die beste Vorbereitung.
MC: Wann habt ihr erfahren, dass ihr die Förderung bekommt?
RayBotic: Direkt danach, wir saßen in Berlin im Biergarten.
MC: Jetzt stehen euch 1,2 Millionen Euro zur Verfügung, die höchste Fördersumme, die im Rahmen dieses Programms an der THD je bewilligt wurden. Warum habt ihr so viel bekommen und was genau habt ihr vor?
RayBotic: Wir haben wohl ziemlich realistische Forderungen gestellt und diese auch bewilligt bekommen. Unsere Entwicklung braucht Zeit und die Technik kostet Geld. Wir haben am Campus in Plattling ein neuartiges, flexibles multimodales Messsystem entwickelt, das Computertomografie-Technologie mit Robotern umsetzt. Unsere Unternehmensidee, mit der wir gepitcht haben, ist es, diese Technologie mobil zu machen, als mobiles Robo-CT. Wir packen unseren Demonstrator in Plattling quasi im Kleinformat auf einen LKW, noch besser auf einen Sprinter, und können so Komponenten vor Ort zerstörungsfrei analysieren.
MC: Dazu gab es von euch einen LinkedIn-Post, der Aufsehen erregt hat und gleichzeitig eure Idee begreifbar macht. Wie kam es dazu?
RayBotic: Im Sommer 2026 gab es zwei Vorfälle an Flugzeugen, die für Aufsehen gesorgt haben. Bei Boeing ist am Frankfurter Flughafen das Bugfahrwerk einer Maschine weggeknickt und diese quasi auf der Nase gelandet – Gott sei Dank am Boden. Bei Ryan Air hat sich am Triebwerk ein Teil gelöst und eine Scheibe zertrümmert, so dass ein Passagier mit dem Kopf aus dem Flugzeug gezogen wurde. Wir haben im Büro über die Vorfälle diskutiert. Irgendwann sagte jemand: „Das hätten wir doch untersuchen können." So kam unser Post zustande, in dem wir behaupten, dass wir den fehlenden Bolzen gesehen hätten. Ob unsere Anlage konkret den Schaden hätte entdecken können, wissen wir nicht – wir haben den Post bewusst als provokant gekennzeichnet.
MC: Trotzdem bringt der Post euer Vorhaben gut auf den Punkt. Ihr wollt mit eurer mobilen Robo-CT-Anlage Komponenten vor Ort zerstörungsfrei prüfen. Wo seht ihr da Bedarfe?
RayBotic: Insgesamt kennen wir Bedarfe und Möglichkeiten ganz gut, da wir sehr industrienah arbeiten, wir sind ja keine Forschung im Glaskasten. Wir haben sehr viele Industriekooperationen, unter anderem eine enge Kooperation mit BMW. Wahrscheinlich haben wir für jeden deutschen Automobilhersteller schon etwas gemacht. Wir wissen, was für eine CT-Dienstleistung gezahlt wird und dass es einen Markt gibt.
Bedarfe gibt es eigentlich überall, wo große Teile flexibel analysiert werden müssen. Tatsächlich interessiert uns aber das Thema Luft- und Raumfahrt sehr. Es ist perspektivisch besonders spannend, da hier neuartige Kohlefaser-Verbundstrukturen im Flugzeugbau auf dem Vormarsch sind. Mit klassischem Ultraschall sind diese nicht vollständig prüfbar, weil dafür ein direkter Zugang – im Zweifel ein Loch in der Struktur – nötig wäre. CT arbeitet berührungslos und würde leichtere, steifere Bauteile ohne Kompromisse bei der Prüfbarkeit erlauben. Auch beim DLR, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, hat das für einen echten Aha-Moment gesorgt.
Unsere Anlage ist aber bisher nicht prädestiniert für die Luft- und Raumfahrt. Da wird es auch Anwendungen geben, aber es ist ein sehr langsamer Markt. Außerdem sind sehr viele Regularien, sehr viele Hürden da. Es bleibt also ein sehr langfristiges Ziel.
MC: Der Markt in der Luft- und Raumfahrt bleibt also erstmal ein perspektivischer Markt. Welchen Markt könnt ihr euch noch erschließen?
RayBotic: Aus Dienstleistungssicht wären das grundsätzlich einfach große Komponenten, wie auch immer sie gestaltet sein mögen. Da gibt es unterschiedliche Anwendungsfälle: Elemente, die das Werk nicht verlassen dürfen, Kulturgüter, Gemälde. Wir haben beispielsweise eine Einladung vom Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt. Die ziehen Teile um und nutzen die Chance, wenn sie schon ein Exponat in die Hand nehmen, dass man es dann gleich in ein digitales Modell umwandelt. So wird es für den Besuchenden erlebbar, ohne dass es direkt ausgestellt sein muss.
Bei Fossilien könnte man ein Gebiss scannen, wie das angeordnet ist, und dann auch Simulationen machen, was das Tier gejagt haben kann. Gelenke geben Rückschlüsse, wie sich ein Lebewesen bewegt. Fossilien in einer Gesteinsplatte können durchleuchtet werden. Im Ergebnis erhält der Nutzer einfach unglaublich viele Informationen, ein Sandwich, das du zerlegen kannst in unzählige Schichten.
MC: Welchen Herausforderungen steht ihr bei der Umsetzung eures Projekts gegenüber?
RayBotic: Nicht in den Knast zu kommen. Das ist leider gar nicht so lustig gemeint, wie es sich anhört, sondern ziemlich ernst. Denn Strahlenschutz und Maschinensicherheit gleichzeitig zu gewährleisten, wenn die Röntgenquelle auf einem beweglichen Roboterarm sitzt, ist schon eine große Herausforderung, an der wir noch tüfteln.
MC: Was wollt ihr grundsätzlich in den zwei Jahren Forschungstransfer-Stipendium erreichen? Gibt es einen Fahrplan?
RayBotic: Unser erstes großes Ziel ist schon erreicht, im September 2026 hatten wir unseren Notartermin und sind damit offiziell als Unternehmen gegründet und eingetragen.
Im Moment sind wir in der Beschaffung. Die sollte bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Das heißt, alle Bauteile zum Prototypenbau sollten da sein. Gleichzeitig hat die Entwicklung auf der Softwareseite angefangen. Bis Anfang nächsten Jahres wollen wir einen Prototyp haben, der erste Scans machen kann. Die ersten Tests werden wahrscheinlich, wenn es zustande kommt, am Campus Erding stattfinden, weil da eine große Fläche ist und ein alter Flugzeughangar. Und dann fangen erste Pilotprojekte an.
MC: Wo steht RayBotic in fünf Jahren?
RayBotic: Wir sehen uns ein bisschen als Ingenieurbüro, das Themen aus der zerstörungsfreien Prüfung löst. In vier bis fünf Jahren wollen wir vielleicht etwas anderes entwickelt haben, das automatisiert ist und Robotik integriert. Einfach neue Lösungen. Ein innovativer kleiner Gegenspieler zu großen Playern wie Zeiss und Ähnlichen.
MC: Während all der Zeit seid ihr weiter auch im engen Kontakt mit euren Betreuern am Zentrum für Entrepreneurship, Alfons Weinzierl und Johanna Kronschnabl. Wie können und konnten sie euch unterstützen?
RayBotic: Grundsätzlich wären wir ohne sie ja gar nicht auf die Idee gekommen. Und sie haben uns die Angst genommen. Wir hätten uns auch gleich einen Investor suchen können. Aber das wäre nicht unser Ding gewesen. Bei EXIST gibt es eine Förderung, man hat ein bisschen Sicherheit. Man ist immer noch angestellt, darf aber ausgründen. Da ist das Risiko überschaubarer.
Alfons und Johanna haben zwei, drei Workshops für uns gehalten, wie wir uns in der Rolle als Unternehmer weiterentwickeln können. Auch was wichtig ist als Team. Und sie unterstützen uns natürlich ungemein bei allen Anträgen und sonstigen eher bürokratischen Aufgaben, dass da nichts schiefläuft.
Wir gehen auch immer wieder zu Networking-Events in der Region, die sie uns empfehlen, und schnuppern beim Silicon Valley Programm rein. Es ist wie eine neue Bubble, in die man erst reinwachsen muss. Aber alle sind supernett und wahnsinnig hilfsbereit. Nicht nur unsere Mentoren, auch andere Startups oder Ansprechpersonen. Die Welt der Gründerinnen und Gründer ist da echt engagiert und offen.
MC: Was empfehlt ihr allen, die selbst entwickeln, Ideen im Kopf haben oder einfach nicht genau wissen, was sie aus ihrem Know-how machen könnten?
RayBotic: Einfach machen! Wenn man Lust hat zu gründen, wenn man eine Idee hat, dann einfach machen. Nicht so viele Unsicherheiten. Einfach probieren, weil die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, super sind. Man lernt auch so viel. Und man hat wirklich eine fantastische Unterstützung durch die THD als Unternehmerische Hochschule. Hier wird viel Wert auf Ausgründungen gelegt. Gleichzeitig bist du nie nur eine Nummer, wie an den ganz großen Unis mit ihren Gründerzentren. Wir haben keine vorgeschriebenen Abläufe, wie das in größeren Zentren bestimmt der Fall ist. Bei uns kann man noch viel ausprobieren, manchmal anstrengend, aber auf alle Fälle sehr frei und spannend.
Wichtig ist auch, dass sich Promovierende oder wissenschaftliche Mitarbeitende bewusst sind, was sie für ein Know-how haben. Und dass man daraus etwas machen kann. Dass es auch nicht nur dem Professor oder der Hochschule gehört, sondern dass man damit selbst etwas machen kann. Und da sind die Einstiegsangebote des Zentrums für Entrepreneurship an der THD auf alle Fälle immer eine gute Anlaufstelle und einen Besuch wert.
Das ist RayBotic
Auf die Frage, wie sie zusammengefunden haben, antworten die Mitglieder von RayBotic gewohnt lakonisch: Wir finden uns jeden Morgen bei der Arbeit. Severin Nusser, Anton Weiss und Simon Wittl kennen sich seit Langem und laufen sich am Campus in Plattling fast täglich über den Weg. Hier feilen, forschen und promovieren Anton Weiss und Simon Wittl zu einer einzigartigen CT-Technik, der Robo-CT. Severin Nusser war sofort im Boot als die Idee aufkam, daraus ein Unternehmen zu gründen.
Fehlte nur noch jemand mit wirtschaftlichem Sachverstand. Im klassischen Bewerbungsverfahren wurde Katja Gallitzendörfer ins Team gewählt. Das Besondere: Sie kann nicht nur Wirtschaft, sie kann auch Psychologie. Und so jemanden braucht es, wenn man sensible Themen wie CT-Lösungen verkaufen will, da ist psychologisch fundiertes Fingerspitzengefühl gefragt.
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